Dark Future - Horror meets Cyberpunk

Shinigami

 

Die Söldnerin Ghost lebt am Limit. Der Anruf ihres Dealers verspricht einen Job, der sie zurück in den New Babylon Megaplex führt, wo Seelen in Chrom gewogen werden und holografische Geishas überhöhten Göttern gleichen. Dazu muss sie nur die Netrunnerin Amy töten. Rein. Kugel in den Kopf. Raus. Absolut easy.

 

Doch die Götter des Cyberspace haben andere Pläne. In einer total vernetzten Welt, mit Neuroprozessoren im Schädel und durch Implantate übers Limit getunten Körpern schicken sie Amy und Ghost auf einen Höllenritt zwischen Realität und virtuellem Pantheon.

 

Und dann ist da noch diese ominöse Katze, die sich selbst Wichian Mat nennt …

 

 

 

»Träumen Androiden von elektrischen Schafen?«

 

Den Titel des 1968 veröffentlichten Romans von Philip K. Dick kennt jeder. Für mich eine Versinnbildlichung des Dilemmas der Menschen im Genre Cyberpunk: Haben künstliche Intelligenzen ein Bewusstsein?

 

1985 kam ich erste Mal über das Cyberpunk 2013 Paper & Pen Rollenspiel mit diesem Genre in Berührung. Fasziniert von Filmen wir Blade Runner, Strange Days und Johnny Mnemonic – aber auch Ghost in the Shell und Akira – erfüllte sich für mich damit ein Traum, selbst in diese Welt abzutauchen. Gebannt die Bücher von William Gibson verschlingend – die heute noch einen hohen Stellenwert für mich haben – war es die Offenbarung einer dystopisch abgedrehten und grellbunten Welt, in der Horror und Science-Fiction nahtlos ineinander übergingen.

 

Stellen wir uns das doch nur vor. Die Welt ist hochtechnisiert, der Mensch komplett vernetzt und die Natur durch rücksichtslosen Raubbau nahezu restlos zerstört. Die Schere zwischen Arm und Reich klafft weiter auf, als je zuvor. Megakonzerne bezahlen Regierungen und unterhalten paramilitärische Privatarmeen, um in Dritte-Welt-Ländern erbarmungslos Krieg zu führen. Die Meere sind verseucht, die Temperatur ist auf ein kaum erträgliches Level gestiegen. Ein Reset ausgeschlossen.

Und wir – die Leute von der Straße – kämpfen jeden verdammten Tag um unsere schäbige Existenz. Alles wird verwertet, Altes mit Neuem vermischt. Retro meets Hightech. Der Mensch-Maschinen-Hybrid wird geboren.

Der Begriff Cyberpunk setzt sich aus zwei bezeichnenden Worten zusammen: Punk, was am Rande oder außerhalb der gesellschaftlichen Norm stehend bedeutet – und das seit dem 17. Jahrhundert – und in der Neuzeit durch Bands wie The Clash, Exploided und Sex Pistols den Niedergang unserer Gesellschaft überdeutlich zum Ausdruck brachte. Cyber - also Kybernetik – definiert die Wissenschaft der Steuerung und Regelung von Maschinen und deren Analogie zur Handlungsweise lebender Organismen.

Wir packen den Cyber in den Punk, erschaffen die Mensch-Maschine und haben den Cyberpunk, der für einen kurzen Augenblick des Ruhms alles tun würde. Total vernetzt und durch Implantate cyberoptimiert, muss man sich die nicht unberechtigte Frage stellen, was ist noch Mensch und ab wann beginnt die Maschine?

Nanotechnologie, Gentechnik und Virtuelle Realitäten scheinen alles möglich zu machen, doch der Preis dafür ist hoch. Ein Zurück gibt es längst nicht mehr. Aber Hauptsache, wir sehen gut dabei aus.

 

Style over Substance

 

Cyberpunk ist eine von Rost zerfressene, im Wohlstandsmüll erstickende Neonkultur, in der Sterne heller erstrahlen und schneller verglühen, als man ihren Namen aussprechen kann. Das Internet ist der unendliche Cyberspace, eine Ersatzwelt, in der man sich leicht verlieren kann. Spezialisten – sogenannte Netrunner – hacken die synaptisch gekoppelten Neuroprozessoren in unseren Köpfen.

Was ist Realität, was Fiktion?

Fakt ist, dass schon heute an auf Neuromorphing basierenden Prozessoren geforscht wird. Auch Implantate – sogenannte Cyberware – wie Arme, Beine oder Augen, Lungen und Herzen sind nicht mehr undenkbar. Und davon abgesehen, was wäre, wenn sich die alten Götter im Cyberspace ein neues Pantheon geschaffen haben, um nicht in Vergessenheit zu geraten?

Oder anders ausgedrückt: Kann eine künstliche Intelligenz göttlichen Status erlangen?

Und wo wir schon bei Göttern sind: Was zur Hölle hat das mit Katzen zu tun?

Shinigami entsprang meiner Kurzgeschichte Tamra Maew, in der Katzen die Hauptrolle spielen. Ja, richtig gelesen. Ein wichtiges Element beider Storys sind Katzen. Fühlt sich seltsam an, das als Hundemensch zu sagen, aber es passt und ist wunderbar stimmig, weshalb ich beschloss, mehr aus der Geschichte zu machen.

Ich wage in Shinigami den Schulterschluss zwischen mystischem Horror und Science-Fiction, überschreite die Genre-Grenzen nicht nur, sondern reiße sie vollständig nieder. Es ist gewagt, sich auf das dünne Eis einer neuen Welt zu begeben, doch was ein echter Edgerunner ist, der tanzt gern auf der Klinge.

 

Verlag: Hammer Boox

Genre: Dark Future / Cyberpunk

 

Veröffentlichung: Winter 2021

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© M.H. Steinmetz - Autor